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am 6. September 2016

Kein Besuch der alten Dame

Thomas Steigberger - Bereits zum zweiten Mal war eine Miss World Stargast einer Veranstaltung in Breitenfurt. 1965 gab sie im Auftrag der Schafwollindustrie den Startschuss zu einem Schafrennen, 2016 kam sie privat zum Grünen Wanderkino und nutzte dies zu einem ausgiebigen Wien-Besuch.

Unverhofft wurde ich für vier Tage Reisebegleiter für die amtierende Miss World zum Zeitpunkt meiner Geburt. Durch meine Recherchen zum Wochenschaubericht aus dem Jahre 1965 (siehe http://www.breitenfurt.gruene.at/themen/kulturelles-und-historisches/ueber-eine-miss-world-die-bei-einem-breitenfurter-schafrennen-erstmals-ein-dirndl-trug und Brennnessel Nr. 69) konnte ich bereits um die Weihnachtszeit Kontakt zu Ann Sidney aufnehmen. Sie war sehr überrascht, nach all den Jahren auf ihren Auftritt beim Schafrennen angeschrieben zu werden, noch mehr erfreut war sie aber, als ich ihr den Wochenschaubericht von damals zukommen ließ. Sie wusste nichts von diesem Filmbericht und aus unserer Konversation entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit eine Brieffreundschaft. Wien – und natürlich Breitenfurt – hatten einen großen Eindruck bei ihr hinterlassen. Erstmals trug sie dabei ein Dirndl und der damalige Empfang in Wien-Schwechat glich einem Staatsempfang.

Schafrennen in Breitenfurt

Insgesamt tourte sie für die Promotion des neu entwickelten Schafwollgütesiegels ein Jahr über alle Kontinente. Es hätte auch anders kommen können, denn genau in diesem Jahr bekam sie alternativ das Angebot, an der Seite von Sean Connery die Rolle eines Bond-Girls zu übernehmen. Probeaufnahmen dazu fanden zwar statt, doch der bereits unterzeichnete Vertrag und sicherlich auch der Anreiz, Breitenfurt einen Besuch abzustatten, ließen Ann weiterhin für das Internationale Schafwollsekretariat arbeiten.

Von Vietnam bis Las Vegas

Sie war es bis dahin gewohnt, von gesunden und besonders schönen Menschen umgeben zu sein. Schon vor ihrem Titel als Miss World hatte sie eine vielversprechende Karriere als Eiskunstläuferin verfolgt, bis sie diese aus Kostengründen beenden musste. Das Training und ihre Modelkarriere waren äußerst hart und entbehrungsreich, aber das Ergebnis umso anmutender. Das änderte sich drastisch, als der berühmte amerikanische Komiker Bob Hope auf sie aufmerksam wurde. In den schlimmsten Zeiten des Vietnamkrieges nahm er sie mit zur Truppenbetreuung in die Krisengebiete. Auf den Bühnen wurde gute Stimmung gemacht, Bob Hope führte sie aber auch in die Lazarette. Und wenn sie heute von diesen Anblicken erzählt, wird immer noch die leidvolle Erinnerung an grauenhafte Bilder deutlich in ihrem Antlitz sichtbar.

Sieben Jahre verbrachte sie dann später auf den großen Showbühnen von Las Vegas. Ihre tänzerischen Fähigkeiten aus den Zeiten des Eiskunstlaufes ergänzte sie mit intensiver Gesangsausbildung, sodass sie schon bald große Rollen in monumentalen und üppig ausgestatteten Musicals bekam. Eine ihrer Lieblingsrollen dabei war die der Maria Trapp in „Sound Of Music“. In den Folgejahren wirkte sie auch in Filmen mit, unter anderem an der Seite von Donald Sutherland, Mick Jagger, Dirk Bogarde, John Gielgud und vielen anderen. Eine ihrer Partnerinnen war übrigens auch Yvonne De Carlo, die zwar nicht Miss World, aber immerhin Miss Venice Beach war, bevor sie die Rolle der Lilly Munster in der beliebten Serie „The Munsters“ spielte.

Wiedersehen mit Wien und Breitenfurt

Nun ist Ann Sidney 72 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann, einem Theaterproduzenten, hauptsächlich in England.

Als ich ihr schrieb, dass wir den Wochenschaubericht über das Schafrennen als Vorspann zu unserem Wanderkino zeigen, buchte sie kurzerhand Flug und Hotel, um Wien und Breitenfurt nach der langen Zeit wieder einen Besuch abzustatten. Mein Herz schlug höher und ich versuchte, meine historischen Wien- und genauso historischen Englisch-Kenntnisse aufzufrischen. Niemals hätte ich gedacht, die amtierende Miss World zum Zeitpunkt meiner Geburt auf so persönliche Art und Weise kennen zu lernen. Vier Tage durfte ich sie dann in Wien und Breitenfurt begleiten: wir marschierten durch die Innenstadt, besuchten den Stephansdom, umrundeten den Ring, amüsierten uns im Prater, beobachteten Wien vom Donauturm aus, staunten über Friedensreich Hundertwasser, bewunderten die Gemälde im Belvedere, schmausten in den Tiefen des 12-Apostel-Kellers und noch vieles mehr.

Ann war unglaublich aufgeschlossen und wissbegierig, gleichzeitig dankbar und freudig, das alles erleben zu können. Jede Erkenntnis, jede neue Beobachtung empfand sie als pures Abenteuer. Sie erzählte mir, dass sie zwar schon viel zuvor gesehen hatte, aber nie genügend Zeit war, es auch entsprechend zu verinnerlichen. Ich staunte über ihre Fitness und ihre ungebrochene Ausstrahlung. Sie erzählte mir sehr viel aus ihrem Leben und auch von ihrem regelmäßigen Training, das sie heute noch konsequent durchzieht. Gleichzeitig schlug mir auch so viel Herzlichkeit von ihr entgegen, dass es mir kaum möglich scheint, ihr wundervolles Wesen gebührend in Worte zu fassen.

Startschuss zum Grünen Wanderkino

Höhepunkt ihres Besuches war für mich aber natürlich ihre Anwesenheit bei unserer Wanderkinoveranstaltung am 26. August! Es wird mir unvergessen bleiben! Mucksmäuschenstill war es, wie sie in ihrer Heimatsprache erklärte, wie sich ihr erster Besuch in Breitenfurt 1965 abgespielt hatte. Wie sie erstmals ein Dirndl trug, die Startschusspistole versagte und das Schafrennen unvermutet gestartet wurde, nachdem ein beherzter Mann einfach „PENG“ geschrien hatte. Als wäre die Zeit stehen geblieben, stand sie so erfrischend jugendlich vor unserem Publikum und erzählte von Geschehnissen in Breitenfurt, die über ein halbes Jahrhundert zurückliegen.

Ann Sidney ist eine Miss World, die mit ihrer Anwesenheit zweimal in Breitenfurt Geschichte geschrieben hat!

Ann Sidney, klassisch mit einem Oldtimer unterwegs

Fotos von unserem Wanderkino 2016 in Breitenfurt