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am 1. August

Als Frauen plötzlich wählen wollten

Thomas Vavrinek - 1968 war das Jahr der gesellschaftlichen Veränderungen. Aber in der Schweiz durften die Frauen nicht einmal wählen. Das verhinderte „Die göttliche Ordnung“. Den gleichnamigen Film, der auf amüsante Weise den Kampf der Schweizer Frauen um ihr Stimmrecht zeigt, bringt das Grüne Wanderkino in Breitenfurt diesen Sommer.

Nora lebt glücklich verheiratet mitten in der Schweiz. Sie führt den Haushalt für gleich vier Männer: ihren Gatten, zwei Buben und ihren Schwiegervater. Der, ein alter Patriarch, rührt im Haus keinen Finger, versteckt in der Bettritze ein Sex-Heft, mokiert sich aber über Noras enge Jeans. Die beiden Söhne lieben ihre Mutter, allerdings bricht die Welt zusammen, wenn sie sich einmal die Milch selbst aus dem Kühlschrank holen sollen: „Wir sind doch Buben!“ Und der Gatte, eigentlich nett und aufgeschlossen, verbietet Nora „sanft“ den Job Im Reisebüro, weil er Angst hat, jemand könnte ihm seinen Schatz abspenstig machen. Das Haushaltsgeld legt er auf ihren Nachttisch, was Assoziationen mit dem Lohn einer Prostituierten hervorrufen kann. Die minderjährige Nichte, im Ort als „Dorfmatratze“ verschrien, entspricht noch am ehesten den Geist der 1968er. Weil sie aber damit wider den Stachel löckt, womit ihr Vater überfordert ist, lässt er sie in ein „Erziehungsheim“ einweisen. Auch das entscheidet nach „Schweizer Eherecht“ das Familienoberhaupt.

In diesem sozialen Umfeld darf es nicht wundern, dass Nora bedauert, in ihrem Dorf so gar nichts von der 1968er-Bewegung zu spüren. Woodstock, Black Power, Hippies, Frauen-Emanzipation, all das dürfte um die Schweiz einen großen Bogen gemacht haben. Und jetzt sollte um das „Frauenwahlrecht“ abgestimmt werden. Natürlich nur von den Männern …

Da stolpert Nora eher zufällig über einen Informationsstand der Befürworterinnen des Frauenstimmrechts und wird mit einschlägiger Literatur eingedeckt. Während ihr Gatte vorübergehend zum periodischen Militärdienst einrückt, fährt Nora zu einer Frauendemo nach Zürich. Nicht nur. Bei einem Workshop erkennt sie, dass ihr (eheliches) Sexualleben nicht annähernd das ist, was es eigentlich sein könnte …

Im Dorf selbst werden Noras plötzliche Aktivitäten kritisch beäugt. Sie habe sich bisher doch nie für Politik interessiert, bekommt sie zu hören. „Jetzt aber schon!“ Nora beginnt sich zu emanzipieren und engagiert sich (nicht nur) für das Frauenstimmrecht. Ihre Gruppe wird immer größer. Immer mehr Frauen schlagen sich auf ihre Seite und treten schließlich in den Streik. Irgendwann fliegen dann nicht nur die Fetzen, sondern auch Steine …

Erst im Februar 1971 gewährte die Schweiz – als eine der letzten Demokratien überhaupt – den Frauen die gleichen politischen Rechte wie den Männern. Aus heutiger Sicht ein Kuriosum. Darüber endlich einen Film zu drehen, war der Ausgangspunkt für „Die göttliche Ordnung“. Drehbuchautorin und Regisseurin Petra Volpe traf in der vierjährigen Entwicklungszeit wichtige Zeitzeuginnen und wurde von der Historikerin Elisabeth Joris unterstützt. „Ich wollte eine Geschichte erzählen, die zeigt, wie unfrei die Frauen damals waren, wie sehr sie wie Besitz behandelt wurden …“ (Petra Volpe).

Freitag, 24.08.2018, ab 19 Uhr, Breitenfurt-OSt, Mehrzweckhalle