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am 9. Oktober

Post aus Haifa

- Nach der Matura muss jeder für sich selbst entscheiden, wohin die Reise weitergeht. Manche beginnen gleich zu studieren, andere gehen zum Bundesheer oder machen Zivildienst. Eine Sache wäre da aber noch: der Gedenkdienst.

Post von Nadine Dimmel:

Der Gedenkdienst ist ein Ersatz für den regulären Zivildienst, das bedeutet, dass junge Männer sich den Gedenkdienst als Zivildienst anrechnen lassen können. Es besteht aber auch die Möglichkeit, den Gedenkdienst freiwillig zu machen – und dafür habe ich mich entschieden. Das neue Freiwilligengesetz erlaubt es nämlich nun auch Frauen am Gedenkdienst teilzunehmen.

Am 19. August war es dann auch schlussendlich so weit, als ich nach drei Stunden Flug in Haifa angekommen war. Gleich am nächsten Tag lernte ich meine Gedenkdienststelle kennen: das Ghetto Fighters‘ House Museum in Akko, nördlich von Haifa. Das Museum wurde von den Überlebenden des Warschauer Ghettos gegründet und ist das erste Holocaust Museum der Welt. Das Archiv ist riesig und verfügt über zahlreiche Dokumente. Meine Aufgaben im Museum sind diese Dokumente vom Deutschen ins Englische zu übersetzen, sie zu katalogisieren und digitalisieren, in der Bibliothek mitzuhelfen und fallweise deutschsprachige Besucher zu betreuen.

In Israel hat der Holocaust natürlich eine zentrale, narrative Rolle in der Geschichte des Staates. Beispielsweise ist es üblich am Beginn der Oberstufe als ganze Klasse nach Polen zu fahren und sich verschiedene ehemalige KZs anzuschauen und Gedenkstatten zu besuchen.

Nicht alle befürworten das – manche finden es sei noch zu früh, andere kritisieren die hohen Kosten, die sich manche Familien schlichtweg nicht leisten können. Es ist spannend zu sehen, wie der Staat einen komplett anderen Zugang zum Holocaust hat. Die Perspektive ist, logischerweise, eine jüdische – leider hat dies zur Folge, dass Roma, Sinti, Homosexuelle und andere verfolgte Gruppen fast kaum zu Wort kommen. „Mein“ Museum jedoch macht da relativ gute Arbeit und versucht diese Lücke zu schließen.

Etwas Besonderes ist auch, dass das Museum den Holocaust als historisches Ereignis verwendet, um mit arabischen und jüdischen Schülern Workshops zu gestalten, in der über ihre eigenen Narrative gesprochen wird. Jeder soll selbst seine eigene Geschichte erzählen. Was bedeutet es Palästinenser oder Palästinenserin in Israel zu sein? Was bedeutet es Jude oder Jüdin zu sein? Was für jüdische Schüler der Unabhängigkeitskrieg ist, bedeutet für die arabischen Schüler Nakbah (die Katastrophe, in Anspielung auf die Vertreibung aus ihren Dörfern). Jeder darf in seiner eigenen Muttersprache sprechen, es wird übersetzt. So bekommen viele zum ersten Mal die „andere Seite“ zu hören, manche bleiben auch nach Workshop-Ende in Kontakt.

Der Norden Israels zeichnet sich durch eine wesentlich diversere Bevölkerung ab als im Rest des Landes. Hier wohnen zur Hälfte Juden, zur anderen Hälfte Araber – was natürlich auch Implikationen hat. Die Menschen haben einen diverseren Freundeskreis und die Lage ist nicht so angespannt wie im Süden.

An manche Dinge gewohnt man sich eher weniger. Beispielsweise Soldaten, die im Bus mit Maschinengewehren fahren oder ständige Sicherheitschecks. Aber auch das gehört hier zum Leben dazu.

Die Menschen sind sehr hilfsbereit und freuen sich zu hören, wenn ich erzähle, dass ich aus Österreich komme. Noch überraschter sind sie, wenn sie erfahren, dass ich arabische Wurzeln habe, bisher waren es durchgehend positive Erfahrungen. Viele finden es bewundernswert, dass sich so junge Menschen mit so einer Thematik befassen und Erinnerungsarbeit leisten.

Gerade darum ist es so wichtig, den Gedenkdienst zu erhalten, der leider momentan nur sehr wenig Förderung erhält.